Betroffene können sich trotz objektiv vorhandener sozialer Kontakte einsam fühlen. Sind Menschen tatsächlich sozial isoliert, ist es eine Herausforderung, etwas gegen diese empfundene Einsamkeit zu unternehmen bzw. sie zu erkennen. Verstärkt wird diese Problematik dadurch, dass Einsamkeit gesellschaftlich ein mit Scham besetztes Thema ist und Betroffenheit verschwiegen wird.

Neben einem empfundenen Mangel an Beziehungen, mit z.B. Partner:innen, Familie, Freund:innen oder Nachbar:innen, können ebenfalls Gefühle von mangelnder Unterstützung, Ausschluss oder Vernachlässigung durch Mitbürger:innen, Arbeitsgeber:innen, politische Institutionen, wie Gemeinden oder Regierungen mitgemeint sein (Hertz 2021: 19).

Vorübergehende Einsamkeit ist eine Erfahrung, die die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens machen. Chronische Einsamkeit stellt eine Bedrohung für die psychische und physische Gesundheit, sowie das generelle Wohlbefinden dar.

Verschiedene Studien beschäftigen sich mit möglichen Auswirkungen von chronischer Einsamkeit. Obwohl sie selbst nicht als Krankheit qualifiziert ist, kann Einsamkeit Stress auslösen, was zur Schwächung des Immunsystems beitragen kann (Hakulinen et al. 2018: 1536). Zusätzlich können Angst und Depressionen zu Einsamkeitsgefühlen führen, die die Situationen wiederrum verstärken würden (Griffin 2010). Weitere gesundheitsschädigende Folgen sind das erhöhte Risiko von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Schlaganfälle sowie Erkrankungen der Blutgefäße des Gehirns als auch erhöhter Blutdruck. Einsamkeit stellt somit einen der wichtigsten Risikofaktoren für die Gesundheit und Sterblichkeit dar (Schalek 2018: 379; Sonnenmoser 2018: 91f).

Praxisbeispiel
Eine Studie der Psycholog:innen Julianne Holt-Lunstad & Timothy B. Smith an der Brigham Young University zum Thema Soziale Beziehungen und Sterblichkeit:

Es wurde herausgefunden, dass sich soziale Beziehungen so stark auf unsere körperliche Gesundheit auswirken, dass chronische Einsamkeit und Isolation genauso gefährlich sein können wie das Rauchen einer Packung Zigaretten pro Tag. Einsamkeit kann die Lebensspanne um etwa fünf Jahre verkürzen (Holt-Lunstad 2021; Holt-Lunstad & Smith 2012).

Wen betrifft Einsamkeit?

Die meisten Menschen empfinden im Laufe ihres Lebens das Gefühl von Einsamkeit. Was einige in der Pandemie erlebt haben, war zuvor bereits eine große gesellschaftliche Herausforderung.

Es gibt keine eindeutige Zielgruppe, es können sich die unterschiedlichsten Personen einsam fühlen und diese verschiedenen erleben. Einsamkeit und soziale Isolation treten besonders in Lebensphasen auf, die durch Umbrüche geprägt sind oder durch einschneidende Lebensereignisse ausgelöst werden.

Es handelt sich um sogenannte Risikophasen in der Biographie, die Veränderungen mit sich bringen: Schul- und Studienabschluss, Umzug, Arbeitslosigkeit oder Jobwechsel, Elternschaft, Krankheit, Todesfall im Umfeld, Pensionsantritt, Migration oder Erfahrungen während einer globalen Pandemie.

Die Pandemie und Einsamkeitsentwicklungen

Die ungleichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Einsamkeitswahrnehmung können anhand verschiedener Altersgruppen erörtert werden: Beispielsweise haben Menschen zwischen 20 und 30 Jahren , verglichen mit älteren Befragten, ein höheres Einsamkeitsempfinden aufgewiesen. (URL 1)

Eine Studie der Donau-Universität Krems hat aktuell bei der Hälfte der jungen Erwachsenen in Österreich depressive Symptome festgestellt. „Hier kam es zu einem sprunghaften Anstieg von rund 30 Prozent auf 50%.“ (URL 2)

Die Situation hatte besondere Auswirkungen auf Frauen, Arbeitslose und Alleinlebende. Johann Bacher und Martina Beham-Rabanser von der Universität Wien schreiben: „Jüngere Alleinlebende fühlen sich einsamer als ältere, wobei innerhalb der Altersgruppe bemerkenswerte Unterschiede bestehen. Bei den Jüngeren fühlen sich insbesondere Frauen einsamer; bei den Älteren sind es die Männer.“ (URL 1)

Quellen:

Griffin J. (2010): The Lonely Society? Mental Health Foundation. https://www.mentalhealth.org.uk/sites/default/files/the_lonely_society_report.pdf [30.10.21]

Hakulinen, C.; Pulkki-Raback, L.; Virtanen, M. (2018): Social isolation and loneliness as risk factors for myocardial finfarction, stroke and mortality: UK Biobank cohort study of 479054 men and women. In: Heart. 104. 1536-1542.

Hertz, N. (2021): Das Zeitalter der Einsamkeit. Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt. Hamburg: HarperCollins.

Holt-Lunstad J. (2021): The Major Health Implications of Social Connection. Current Directions in Psychological Science. 30(3):251-259.

Holt-Lunstad, J.; Smith, T. B. (2012). Social Relationships and Mortality. Social and Personality Psychology Compass, 6(1), 41–53.

Schalek, K.; Stefan, H. (2018): Einsamkeit – Ein (un)bekanntes Phänomen in der Pflege. In: Hax- Shoppenhorst, Thomas (Hg.): Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können. Bern: Hogrefe Verlag. 378-388.

Sonnenmoser Marion (2018): Einsamkeit und Gesundheit. In: Hax- Shoppenhorst Thomas (Hg.): Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können. Bern: Hogrefe Verlag. 89-96.

Surkalim, D. L.; Luo, M.; Eres, R.; Gebel, K.; van Buskirk, J.; Bauman, A.; Ding, D. (2022): The prevalence of loneliness across 113 countries: systematic review and meta-analysis. In: BMJ (Clinical research ed.) 376.

URL 1 / Austrian Corona Panel Project
https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog-23-allein-leben-in-zeiten-von-corona/

URL 2 / Austrian Corona Panel Project
https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog98/

URL 3 / Studie der Donau-Universität Krems
https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/news/2021/psychische-gesundheit-verschlechtert-sich-weiter0.html